
Ein kleines Grüppchen versammelt sich am Freitagnachmittag am Ausgang der Métrostation Pont Marie an der Ecke der Rue des Nonnains d’Hyères. Freudig begrüßen sich die Alumni und Alumnae des DAAD, tauschen sich aus, lachen und erzählen sich Neuigkeiten aus ihren deutsch-französischen Lebens- und Arbeitswelten.
Immer wieder wandern neugierige Blicke über den Zaun zum angrenzenden Park, hinter dem das Hôtel d’Aumont liegt. Gleich wird die Gruppe einen Einblick hinter die Mauern des mächtigen Stadthôtels erhalten.
Noch wirkt der von der Rue de Jouy aus unscheinbare Bau mit seinen hohen Fassaden wie ein typisches Pariser Stadthôtel der Vorrevolutionszeit und bleibt im schönen Marais-Viertel fast unauffällig.
Nach einer Sicherheitskontrolle verändert sich der Eindruck schlagartig: Zum Innenhof, dem sogenannten Ehrenhof, hin zeigt sich ein ganz anderer Charakter, ein ruhiger, fast verträumter Stadtpalast im französischen Barockstil des 17. Jahrhunderts mit dekorativ gestalteten Arkaden, die reich verziert sind mit floralen Ornamenten, Fruchtgirlanden und klassisch-barocken Motiven.
Das Hôtel d’Aumont im Wandel der Zeit
Das Hôtel d’Aumont gehört zu den Pariser hôtels particuliers des 17. Jahrhunderts, die meist dem klassizistischen Barock (Louis-XIV-Stil) zugerechnet werden. Der Name „Hôtel“ ist dabei nicht wörtlich zu nehmen, vielmehr handelt es sich um ein privates Wohngebäude eines Adligen oder wohlhabenden Bürgers. Typisch sind die ruhige, symmetrische Fassadengliederung sowie die repräsentative Innenhofarchitektur. Das Marais-Viertel im 4. Arrondissement von Paris ist damals wie heute ein beliebter Wohnort und gilt als lebendiges, teils mondänes Viertel, das von Aristokraten und Intellektuellen geschätzt wird.
Auch dieses Hôtel weist einen direkten Bezug zum Sonnenkönig auf. Der Bau wird 1648 durch Michel Antoine Scarron, Onkel des berühmten Dichters Paul Scarron und Berater von Louis XIV, begonnen. Seinen Namen erhält das Hôtel später vom Herzog Antoine d’Aumont de Rochebaron, der nach der Fertigstellung des Stadtpalastes dort residiert und zudem der Schwiegersohn des Bauherrn Scarron ist.
Bereits 1703 lässt Antoine d’Aumont, der Sohn, die Fassade des Hauptgebäudes verändern, indem er den Bau zwischen Garten und Hinterhof erweitern und sechs Fassadenfenster ergänzen lässt, um die Harmonie der damals in Mode gekommenen symmetrischen Gestaltung wiederherzustellen. Zudem lässt er sein bis heute an der Fassade erkennbares Namenskürzel „LMDA“ für Louis-Marie d’Aumont anbringen und verewigt sich damit in der Fassade, ein Vorgehen, das bereits seine Eltern in einzelnen Räumen des Hauses, vor allem im Balkensaal und an der dortigen französischen Decke, praktizieren.

Kurz vor der Französischen Revolution, die das Gebäude tatsächlich ohne größeren Schaden übersteht, verhilft Pierre Terray, der später als Generalstaatsanwalt des Königs in die Geschichte eingeht, dem Hôtel ein letztes Mal zu seiner Glanzzeit. Danach wird es in den Besitz der Pharmacie centrale de France übergeben und sein beachtlicher Garten mit zahlreichen Schuppen und Verschlägen überbaut. Das gesamte Ensemble gleicht zeitweise einem Lagerhaus.
Dass die Geschichte des Marais-Viertels eng mit der Geschichte des Hôtel d’Aumont verbunden ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Viertel im Zuge der Industrialisierung, insbesondere der Bereich zwischen der Rue Saint-Antoine und der Seine, von den städtischen Aufsichtsbehörden zeitweise als gesundheitsschädliche Wohngegend eingestuft wird.
In der Zwischenkriegszeit wird das Hôtel schließlich von der Stadt Paris erworben und 1946 als historisches Denkmal unter Schutz gestellt. Der weitere Verlauf ist Rechtsgeschichte: Ab Mitte der 1950er Jahre tagt hier das Verwaltungsgericht, das aufgrund umfangreicher Umbauarbeiten mit finanziellen Aufwendungen von rund 300 Millionen Francs erst sechs Jahre später seine Arbeit in den vollständig renovierten Räumlichkeiten aufnehmen kann. Seit dieser bedeutenden Renovierung in den fünfziger Jahren werden regelmäßig weitere Arbeiten durchgeführt, um das historische Gebäude an die neuen Anforderungen der richterlichen Tätigkeit anzupassen, insbesondere an die stetig wachsende Zahl der Klagen und Anträge sowie an die fortschreitende Digitalisierung der Verfahren.

Seit 1956 ist im Hôtel d’Aumont das Tribunal administratif de Paris, das Verwaltungsgericht der Stadt Paris, untergebracht, mit anderen Worten die erste Instanz der Verwaltungsgerichtsbarkeit. Das Gebäude verbindet dabei, damals wie heute, teils prunkvolle Büros im klassisch beibehaltenen Stil des Hauses mit den eher schlichten Gerichtssälen, Warteräumen und Beratungszimmern sowie der Bibliothek, die sich im ehemaligen Schlafzimmer der Herzöge von Aumont befindet.

Besonders eindrucksvoll auf der Tour sind neben dem Büro des Gerichtspräsidenten, das sich im sogenannten neuen Kabinett und in der ehemaligen Wohnstätte der Herzogin befindet, auch der große Praktikantensaal mit seinen goldstuckverzierten Decken im Haupttrakt der ersten Etage, der mit Blick auf den Garten ein besonders attraktives Arbeitsumfeld für angehende Jurist*innen bietet.

Einblicke in die Arbeit eines Verwaltungsgerichts
Zum Ende der Tour im Hôtel d’Aumont erhalten die DAAD-Alumni und Alumnae eine Präsentation, die über die Zuständigkeiten und Aufgaben des Verwaltungsgerichts aufklärt und zudem Einblicke in Fälle gibt, die hier behandelt werden. Im Dienste der Bürgerrechte widmet sich das Gericht in der Rue de Jouy der Aufgabe, in erster Instanz über Streitigkeiten zwischen Bürger*innen und der öffentlichen Verwaltung zu entscheiden, insbesondere über die Rechtmäßigkeit staatlichen Handelns.
Der Gedanke einer gewissermaßen eigenständigen Schranke oder Kontrollinstanz staatlichen Handelns, auch gegenüber staatlich autorisierten Behörden, juristischen Personen und Körperschaften, geht auf die Französische Revolution zurück. Nach deren Ende sollte die als befangen empfundene Justiz, die zuvor auch über Klagen gegen eigene Entscheidungen mitentschieden hatte, insbesondere in Steuerangelegenheiten, nicht mehr selbst in Verwaltungsstreitigkeiten urteilen.
Mit dem Gesetz von 1800 wird daher für jedes der damaligen Départements des französischen Staatsgebiets ein eigenes Rechtsprechungsorgan geschaffen, die Präfekturräte. Diese sollen als unabhängige Instanz außerhalb der ordentlichen Gerichtsbarkeit in erster Instanz über Verwaltungsstreitigkeiten entscheiden. Verhandelt werden damals vor allem kleinere Angelegenheiten der Départements, etwa direkte Steuerabgaben, öffentliche Bauarbeiten oder Besitzstreitigkeiten. Erst 1953 werden die Präfekturräte durch einen weiteren Gesetzesbeschluss in Verwaltungsgerichte umbenannt.
Heute umfasst das Spektrum deutlich mehr. Es geht etwa um Entscheidungen städtischer Behörden, Anstalten des öffentlichen Rechts sowie zentraler und dezentraler staatlicher Behörden, aber auch um Verfahren gegen Sportverbände, öffentliche Krankenhäuser und Universitäten.
Thematisch ist die Palette der hier verhandelten Fälle ebenfalls breit gefächert, von Umwelt- und Gesundheitsfragen über Sozialhilfeleistungen und Ausländerrecht bis hin zu Bau- und Planungsrecht oder, sehr Frankreich-spezifisch, Fragen des Verhältnisses von Staat und Religion. Auch Entscheidungen von Universitäten zu Disziplinarmaßnahmen bis hin zu Exmatrikulationen oder Studienausschlüssen werden hier geprüft.
Dabei ist das Gericht seit 1964 für die Stadt Paris sowie die umliegenden Départements zuständig, was mit einem erheblichen Fallaufkommen einhergeht, das in Frankreich kein vergleichbares Gericht zu bewältigen hat.
Daher ist das Gericht auch dazu gezwungen, Fälle teilweise sehr schnell zu behandeln. Seit der Verabschiedung eines Gesetzes aus dem Jahr 2000 ist es möglich, dass ein Verwaltungsrichter im Rahmen von Eilverfahren auch allein über einen Fall entscheidet. Solche Verfahren betreffen etwa besonders dringliche Entscheidungen, wie das Verbot oder die Auflösung von Demonstrationen, Fragen der Sterbehilfe im medizinischen Kontext, aber auch asylrechtliche Eilverfahren, etwa zur Unterbringung in Notunterkünften oder, in schwereren Fällen, zu Abschiebungsentscheidungen.
Da es sich beim Verwaltungsgericht um ein erstinstanzliches Gericht handelt, müssen mögliche Berufungen anschließend an die Verwaltungsberufungsgerichte gerichtet werden oder in bestimmten Fällen direkt an die höchste Instanz der Verwaltungsgerichtsbarkeit Frankreichs, das Conseil d’État. Seit 2013 besteht eine Partnerschaft zwischen der Cour administrative d’appel de Paris und dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, die sich zuletzt 2024 im Rahmen eines Arbeitsseminars trafen, an dem acht deutsche Richterinnen und Richter teilnahmen.
Tourabschlus im Hôtel de Beauvais
Den Abschluss dieser DAAD Alumni-Veranstaltung bildet die Präsentation dann aber noch nicht. Ganz im Gegenteil: Nachdem die Alumni und Alumnae das Hôtel d’Aumont verlassen haben, geht es direkt eine Straßenecke weiter ins Hôtel de Beauvais in der Rue François Miron, das seit 2003 die Cour administrative d’appel de Paris, also das Verwaltungsberufungsgericht von Paris, beherbergt und den zweiten Ort der Besichtigung bildet. Das Hôtel de Beauvais, ebenfalls ein hôtel particulier des 17. Jahrhunderts, übertrifft das Hôtel d’Aumont in seiner imposanten Wirkung und seinem baulichen Eindruck barocker Stadtpalais-Architektur noch einmal.

Vielleicht auch der besonderen Beleuchtung des Ehrenhofs nach Einbruch der Dunkelheit an diesem Märzabend geschuldet, wirken die sandsteinernen Elemente und Ornamente des Innenhofs besonders eindrucksvoll, darunter Maskarons, Tierdarstellungen und groteske Figuren. In einer Ecke findet sich zudem ein Hinweis darauf, dass Wolfgang Amadeus Mozart im Zuge seiner Reise nach Paris hier zeitweise untergebracht war.

Die einmaligen Einblicke in das Verwaltungsgericht Paris wurden durch eine Führung einer der amtierenden Kammerpräsidentinnen ermöglicht und darüber hinaus durch ins Deutsche übersetzte Unterlagen unterstützt. Die ursprünglich auf eineinhalb Stunden angesetzte Besichtigung entwickelte sich zu einer zweieinhalbstündigen Führung, die insbesondere durch zahlreiche Fragen und das vertiefte Interesse an den Tätigkeiten des Verwaltungsgerichts im Hôtel d’Aumont sowie durch die schrittweise Erkundung weiterer Räumlichkeiten geprägt war, darunter die Wendeltreppe, die Gerichtssäle und schließlich der große Gewölbekeller im Hôtel de Beauvais, der gelegentlich für Zusammenkünfte, Feiern oder Festakte genutzt wird.

Das Hôtel de Beauvais begeistert die Alumni und Alumnae aufgrund seiner Ästhetik besonders und stellt den letzten Programmpunkt der Tour dar, wenn auch noch nicht des gemeinsamen Abends.
Zum Ende der doch ausführlichen Besichtigung und nach vielen Eindrücken entschließen sich die Alumni und Alumnae, im schön erleuchteten Marais-Viertel des frühen Frühlingsabends noch zu verweilen. Die Straßen werden langsam wieder voller, jetzt, wo die Abende länger und die Temperaturen milder werden. Die Gruppe spaziert gemeinsam einige Schritte weiter zur La Tartine in der Rue de Rivoli, um eine Kleinigkeit zu essen und den Abend bei einem Glas ausklingen zu lassen.
Redaktion und Bilder: Lilli Kim Schreiber


